Die Ausgrabungen der Jahre 2015-2016

Im Zeitraum zwischen Mai 2015 und Dezember 2016 leitete die Aufsichtsbehörde unter der wissenschaftlichen Leitung von Alessandro Usai und in Zusammenarbeit mit Antonio Vacca, Franco Campus und Silvia Vidili eine neue Ausgrabungskampagne ein, mit dem Ziel, die Gräben der alten Ausgrabungen von Bedini-Tronchetti wiederherzustellen, die Ausgrabungen weitgehend auf den Berg auszudehnen, die Überreste einiger teilweise sichtbarer Strukturen zu untersuchen, die Organisation des Gebiets um die Nekropole zu definieren und zukünftige Forschungsprogramme festzulegen.
Mit dieser Kampagne wurde das erste Ziel erreicht: die Wiederherstellung des gesamten langen Grabens, der zwischen 1975 und 1979 geöffnet und in den 1980er Jahren wieder zugeschüttet worden war.
Der alte Graben wurde mit dem Graben von 2014 verbunden, so dass der Graben von Süd-Südwest nach Nord-Nordost auf einer Gesamtlänge von etwa 70 Metern vollständig durch das Gebiet der Rosenkranzbruderschaft verläuft. Die Ausgrabung der Nekropole von Bedini wurde erweitert und vertieft, so dass mindestens 22 neue Gräber bestimmt werden konnten, von denen die Hälfte zu einem Zwischentyp mit einer teilweise aus Stein gebauten Grube und einer Abdeckplatte in verschiedenen Formen gehört.

Weitere Gräber, wahrscheinlich Grubengräber, wurden im Bereich östlich der Nekropole von Tronchetti gefunden. Entlang der „Straße“, westlich der Nekropole von Bedini, wurde bei den Ausgrabungen ein weiteres kurzes Stück der Halde mit Skulpturenfragmenten freigelegt, das weder von Bedini noch von Tronchetti untersucht worden war. Auch hier konnte die ursprüngliche Anordnung der Skulpturen nicht in situ geklärt werden.

Archäologisches Ausgrabungsgebiet am 12. Oktober 2015
Blick auf den Tronchetti-Graben von Norden nach Wiederherstellung der Grabplatten

Die Untersuchung des westlichen Teils der Nekropole, an den Hängen des Hügels Mont’e Prama, wurde ebenfalls begonnen. Insbesondere wurde die Ausgrabung des großen runden Nuraghenbaus (Gebäude A) und eines kleinen angrenzenden Nuraghenbaus (Gebäude B) abgeschlossen.

Südansicht des Gebäudes A
Westansicht des Gebäudes B

Das Gebäude A, das vielleicht ursprünglich für zeremonielle Zwecke genutzt wurde, wurde in der Nuraghenzeit erneuert und dann in der punischen Zeit geleert und erneut genutzt. Es befindet sich etwa 20 Meter westlich der 2014 ausgegrabenen Gräber, ist kreisförmig, von beträchtlicher Breite und Stärke und besteht aus großen und mittelgroßen Basaltblöcken. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es nicht möglich, die genaue Bauzeit des Gebäudes zu bestimmen.

Das Gebäude B hingegen, von dem vor der Ausgrabung keine Überreste gefunden worden waren, lehnt sich von Westen her an das Gebäude A an, ist viel kleiner als das Erstgenannte, hat eine unregelmäßige trapezförmige Form und eine konvexe Südseite. Es wurde in der Nuraghenzeit erbaut und genutzt, in der punischen Zeit nicht wieder genutzt, weshalb die nuraghische Schichtung aus der frühen Eisenzeit erhalten blieb.

Bei den archäologischen Fundstücken handelt es sich um keramisches Material und einen Bronzedolch, die vollständig vereinbar sind mit der frühen Eisenzeit der Region Oristano, wie am Mont’e Prama dokumentiert.

„Die aktuellen Arbeiten zielen folglich nicht darauf ab, weitere Skulpturen zu finden, sondern das Grabungsgebiet endlich zu erweitern, um die Organisation der Stätte und die Ereignisse über einen langen Zeitraum von der Gründung der Nekropole bis zur Entstehung des Skulpturenkomplexes und seiner Zerstörung zu klären. Wir werden versuchen, verlässliche Hypothesen über die Beziehung zwischen den Skulpturen und der Nekropole sowie über die Existenz des vermeintlichen Tempels oder Heiligtums und anderer Räume oder Gebäude mit unterschiedlichen Funktionen aufzustellen, die jedoch selbstverständlich überprüft und präzisiert werden müssen“ (Usai 2015, S. 87).

Die Gräber

Darüber hinaus wurden 28 Gräber gefunden, von denen sechs systematisch ausgegraben wurden: drei überdachte Gräber mit einer viereckigen Platte und drei Grubengräber älteren Typs. Die Ausgrabung und Analyse der Gräber wurde von der Anthropologin Ornella Fonzo durchgeführt. Das von den Arbeiten betroffene Gebiet erstreckte sich nördlich und östlich der sogenannten Bedini-Nekropole. Durch die Untersuchungen wurden im Wesentlichen die Hypothesen bestätigt, die zuvor bei der Untersuchung der Funde der bei den Ausgrabungen in den Jahren 1975-1979 und 2014 ausgegrabenen Gräber aufgestellt worden waren.

Dank der Untersuchung der bei der Ausgrabung 2015 geborgenen Artefakte konnten somit die Schlussfolgerungen überprüft und bestätigt werden, die bei der Analyse der Artefakte der vorangegangenen Ausgrabungen gezogen wurden, und mit neuen Elementen bereichert werden.
Die Aufbahrung des Verstorbenen im Grab
Die Platte des Grabes Nr. 15 von Bedini zum Zeitpunkt seiner Entdeckung während der Grabungskampagne 2015
Menschliche Überreste des Grabes Nr. 15 von Bedini zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung während der Grabungskampagne 2015
Insbesondere wurde auch die Art der Aufbahrung in mit Steinplatten bedeckten Gräbern bestätigt: Die Verstorbenen wurden sitzend auf dem Boden der einzelnen Gruben aufgebahrt, im Allgemeinen mit dem Rücken nach Osten gerichtet. Es war nicht möglich, die ursprüngliche Ausrichtung des Gesichts zu rekonstruieren, da der Schädel nach unten fiel, als sich die Weichteile zersetzten. Die unteren Gliedmaßen waren stets stark gebeugt, die Knie nach oben gespreizt und die Füße nahe am Becken und nahe beieinander positioniert. Die oberen Gliedmaßen waren ebenfalls gebeugt, wobei die Ellenbogen mehr oder weniger weit vom Rumpf entfernt waren und die Hände vor dem Rumpf zusammengeführt wurden.

Bei den ältesten Grubengräbern hat die Ausgrabung 2015 jedoch gezeigt, dass sich die Art der Aufbahrung von der vorherigen unterscheidet, was die Position der unteren Gliedmaßen betrifft. 
Zu beachten ist auch, dass die Leichen – angesichts des begrenzten zur Verfügung stehenden Raums – so bestattet wurden, dass sie das kleinstmögliche Volumen einnahmen. Es besteht noch keine vollständige Klarheit über die Aufbahrungsmerkmale für diese Art von Gräbern.

Aus der Sicht der anthropologischen Analyse besteht das interessanteste Merkmal darin, dass in auch in dieser Nekropole anscheinend fast ausschließlich junge oder heranwachsende Männer bestattet wurden.

Eine weitere wichtige Anmerkung ist der beträchtliche Unterschied im Abnutzungsgrad zwischen den vorderen Zähnen, die sehr stark abgenutzt sind, und den hinteren Zähnen: Dieser Unterschied wird von den Forschern als Folge einer bestimmten Ernährungsweise oder der Verwendung der Zähne nicht nur zum Essen erklärt, d.h. ihre Verwendung als Werkzeuge zum Zusammenpressen, Blockieren oder Aufweichen.
Weitere Informationen zu den Ausgrabungen der Jahre 2015-2016 sind einsehbar unter:
Usai 2015; Usai-Vidili 2016, S. 253-292; Fonzo-Pacciani 2016; Usai-Vidili-Del Vais 2017, S. 149-191; Usai et al. 2018.

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